Demut – alte Tugend mit neuer Bedeutung

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AutorIn: Ilona Schönle

Demut ist in gegenwärtigen Zeiten vieles, allerdings nicht mehr unbedingt unterwürfig oder auf Gott ausgerichtet. Eine uralte Tugend die ganz gross raus- und rüberkommt. Als Gspännli mit der Macht.

Bescheidenheit ist eine Tugend?

Von wegen. Mittlerweile ist sie in verbaler Gestalt der Demut deutlich häufiger eine strategische Waffe. Vom heiligen Augustinus wurde sie als Mutter aller Tugenden gepriesen und mit keiner anderen schmücken sich die Mächtigen − oder solche die es gerne wären − lieber. Es lässt sich seit bereits einiger Zeit beobachten, dass wann immer es einen Triumph zu verkünden gibt, es gleichzeitig häufig mit dem Bekenntnis zur Demut geschieht. Einst als sinnbildliches Geschwisterpaar mit religiöser Bescheidenheit genannt, erscheint Demut heutzutage eher Hand in Hand mit privilegiert gesinnter Verantwortung. Egal ob weltmeisterliche Sportleistungen, Oscargewinn, politische Siege oder ökonomische Errungenschaften − alles wahrhaft oder vielleicht auch nur aufgeblähte Grosse, wagt sich nicht mehr nur allein an die Artikulation von Freude, nein der Sieg wird meist «demütig» entgegengenommen.

Fromme Bescheidenheit weicht karriereorientierter Demut

Der österreichische Autor Karl-Markus Gauss hat das Phänomen dadurch versucht zu erklären, als dass es in Zeiten gemeinschaftlicher Teamkultur zum guten Ton gehört, dass man als Führungspersönlichkeit, Triumphe nicht mehr allein nur den eigenen Fähigkeit zuschreibt, sondern sie in gefälliger «Wir»-Rhetorik als Teamerfolg huldigt. Dass dies zwar so gesagt wird, aber nur selten auch ehrlich gemeint ist, spielt keine grosse Rolle. Jedoch, bei aller Akzeptanz und Tribut an die Gemeinschaft, das eigene Licht will zumindest auch ein wenig nur für sich leuchten. Und da macht es sich gut, den eigentlich egoistischen Sieg als demütig zu verhülsen. Denn das zwar ehrliche aber schäbig und überheblich wirkende Eigenlob, erfährt durch den «demütig»- Zusatz eine wunderbar öffentlichkeitstaugliche Läuterung.

Demut als Kulturtechnik und Täuschungsmanöver

Durchaus noch erwähnenswert in diesem Zusammenhang finde ich den Eintrag meiner Blogkollegen der «Karrierebibel», die der Demut das Zeug zum «unterschätzten Machtmittel» einräumen und in einem Beitrag Ratschläge dazu geben, wie man «Demut gezielt einsetzt und richtig nutzt». Mehr als das «Dienst tun» seiner ursprünglichen Wortbedeutung, schreiben sie der Eigenschaft «Mut» als der zweiten Wortsilbe zu. Eine kleine freudvolle Abwechslung und Zerstreuung - noch im Homeoffice oder auch schon wieder mit Kollegen im Büro - bietet das Durchforsten von Magazinen, Foren, Zeitungen und Broschüren nach der Vokabel. Sie werden erstaunt sein, wie oft Sie auf als Demut verkleideten Hochmut treffen. Dicht gefolgt von der «Transparenz», die meist mehr verhüllt als offenbart und etwas abgeschlagen für alles was noch gut klingen muss, die Vielzweckphrase «Nachhaltigkeit».

 

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